Fragwürdiger Nutzen des Prognos-Familienatlas 2012

Schreiben der Bündnisse für Familien innerhalb der Metropolregion an den Deutschen Städtetag (vom 16.12.2013)

am 16.12.2013

An den   Präsidenten des Deutschen Städtetages
Herrn Dr. Ulrich Maly
 
Rathausplatz 2
90403 Nürnberg 
                                                                                                 Bamberg, 16. Dezember 2013  

Schreiben der Bündnisse für Familie innerhalb der Metropolregion Nürnberg an den Deutschen Städtetag zum Thema Verwendbarkeit des Prognos-Familienatlas 2012
 

Sehr geehrter Herr Dr. Maly,  

die Bündnisse für Familie innerhalb der Metropolregion Nürnberg treffen sich zwei Mal pro Jahr zum Austausch und zur Abgabe von Stellungnahmen zu familienfreundlichen Entwicklungen in der Metropolregion und bundesweit. Beim letzten Treffen der Bündnisse wurde die Verwendbarkeit des Prognos-Familienatlas 2012 (siehe hierzu http://www.prognos.com/Familienatlas-2012.844.0.html) diskutiert. Die Bündnisse kamen in der Diskussion zu dem Ergebnis, dass der von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Atlas, der in unregelmäßigem Abstand von der Prognos AG erstellt wird, seinen Zielen nicht gerecht wird. Wir möchten Sie deshalb bitten, den folgenden Brief der Bündnisse, der von Familienexperten des Bamberger Bündnisses unter Hinzuziehung von Fachleuten aus Bamberg und Nürnberg verfasst wurde, über den Deutschen Städtetag an die Bundesregierung weiterzuleiten. Für Ihr Interesse bedanken wir uns sehr herzlich.

Es herrscht mittlerweile auf allen politischen Ebenen Konsens, dass Deutschland angesichts der seit langem niedrigen Geburtenraten und des demographischen Wandels kinder- und familienfreundlicher werden muss. In ihrer Zuständigkeit für die Kinder- und Jugendhilfe sowie die kommunale Raum- und Bauplanung haben gerade die Städte und Kreise die wichtige Aufgabe und auch die Möglichkeiten zur Gestaltung einer kinder- und familienfreundlichen Infrastruktur. Im Wettstreit um Fachkräfte wird kommunale Familienfreundlichkeit zunehmend auch zu einem wichtigen Standortfaktor für die Wirtschaft, verschiedene Facetten der Familienfreundlichkeit werden daher auch zum Marketing der Städte und Regionen genutzt.

Der Familienatlas 2012 von Prognos hat zum Ziel, die Attraktivität der Lebensbedingungen für Familien in den 402 Kreisen und kreisfreien Städten in Deutschland zu vergleichen. Damit soll lokalen Akteuren eine Grundlage für die Standortbestimmung im Wettbewerb um Familien und für eine differenzierte Auseinandersetzung mit regionalen Stärken und Schwächen zur Verfügung gestellt werden. Methodisch umgesetzt wird dies auf der Grundlage von insgesamt 34 Indikatoren aus den vier Handlungsfeldern „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, „Wohnsituation und Wohnumfeld“, „Bildung“ sowie „Angebote und Organisation der regionalen Familienpolitik“. Zudem werden Indikatoren für die demografischen und arbeitsmarktbezogenen Rahmenbedingungen einer Region berücksichtigt.

Die Zielsetzung des Familienatlas ist grundlegend zu begrüßen, jedoch weist die methodische Umsetzung erhebliche Schwächen auf. Die vier Handlungsfelder scheinen willkürlich ausgewählt, es fehlen ein theoretisches Konzept oder zumindest ansatzweise konzeptionelle Überlegungen, welche Dimensionen die Familienfreundlichkeit von Kommunen auszeichnet und wie dies operationalisiert werden soll. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass es zu diesem Themenbereich bereits umfangreiche wissenschaftlich fundierte Ansätze gibt.

Weiterhin fehlt es an theoretischen Überlegungen oder zumindest inhaltlicher Begründung, welche Indikatoren für die einzelnen Handlungsfelder und Rahmenbedingungen ausgesucht worden sind. So erscheint es manchmal verwunderlich, welche Indikatoren in die Bewertung eingehen und welche nicht. Darüber hinaus besteht das Problem, dass einige Indikatoren nicht das halten, was ihre Bezeichnung verspricht, und dass sie eine eher geringe Aussagekraft haben (siehe Anhang).

Ein anderer Kritikpunkt ist, dass in dieser Analyse Kommunen mit ganz unterschiedlichen Strukturen miteinander verglichen werden. So unterscheiden sich insbesondere das Wohnumfeld und die Lebensbedingungen von Familien in städtischen und ländlichen Kommunen in vielerlei Hinsicht. Hier dann alle Indikatoren "in einen Topf zu werfen" und daraus die Familienfreundlichkeit der Kommune abzuleiten, ist jedoch problematisch.

Darüber hinaus lassen sich auch bei einigen Indikatoren Argumente anführen, die ihre Validität für die Messung von Familienfreundlichkeit in Frage stellen und somit ihre Aussagekraft für die Zielsetzung des Familienatlas fragwürdig erscheinen lassen. Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass auch die Reliabilität bestimmter Indikatoren angezweifelt werden kann.

Aufgrund der bisherigen Konzeption (Beispiele für die angesprochenen Kritikpunkte sind im Anhang aufgeführt) eignet sich der Familienatlas keinesfalls für eine vergleichende Bewertung der Familienfreundlichkeit deutscher Kommunen und es stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit der finanziellen Unterstützung solcher Projekte.

Grundsätzlich ist es zu begrüßen, wenn Kommunen die Möglichkeit haben, aussagekräftige Indikatoren für die eigene Kommune mit denen - tatsächlich vergleichbarer - Kommunen zu vergleichen, eigene Schwachstellen zu erkennen und von anderen Kommunen zu lernen. Zur Verbesserung der Familienfreundlichkeit müssten den Kommunen jedoch andere und zielgenauere Wege zur Anregung und zur konkreten Unterstützung für die „lokalen Akteure“ zur Verfügung gestellt werden.  

Sollten Sie Rückfragen haben, wenden Sie sich bitte an: Gisela Filkorn, Familienbeauftragte der Stadt Bamberg Rathaus Geyerswörth, 96047 Bamberg, Tel. 0951-87-1894 e-mail: familienbeauftragte(at)stadt.bamberg.de    

Mit freundlichen Grüßen

i.V.  Dr. Franz Merdian,  Gisela Filkorn                        
Bündnis für Familie Bamberg Dr. Franz Merdian, Vorsitzender des Familienbeirats der Stadt Bamberg Gisela Filkorn, Familienbeauftragte der Stadt Bamberg    

Bündnis für Familie Nürnberg Doris Reinecke, Geschäftsführerin des Bündnisses  

Bündnis für Familie Stadt Ansbach
gez. Ingrid Eichner, Koordinierungsstelle
 

Bündnis für Familie der Stadt Bayreuth gez. Thomas Ebersberger, stellvertretender Bürgermeister  

Bündnis "Coburg - Die Familienstadt" gez. Norbert Tessmer, 2. Bürgermeister der Stadt Coburg  

Bündnis für Familie Kitzinger Land gez. Antonette Graber, Abteilungsleiterin Soziales, Familie,
Jugend und Gesundheit, Senioren, Landratsamt Kitzingen
gez. Simone Göbel, Regionalmanagement Kitzinger Land  

Bündnis für Familie Neustadt- Weiden gez. Monika Langner, Gleichstellungsbeauftragte Stadt Weiden i.d.OPf. gez. Barbara Mädl, Landratsamt Neustadt a.d.Waldnaab gez. Margot Salfetter, Agentur für Arbeit in Weiden  

Bündnis für Familie Landkreis Erlangen-Höchstadt gez. Katja Engelbrecht-Adler, Familienbeauftragte  

Bündnis für Familie Stadt Amberg gez. Tobias Berz, Geschäftsführer des Bündnisses    

Bündnis für Familie im Landkreis Ansbach gez. Maria Ultsch, Geschäftsführerin des Bündnisses   Schwabacher Familienbündnis gez. Knut Engelbrecht, Stadtrechtsrat  

Bündnis für Familie Altmühlfranken im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen gez. Gerhard Wägemann, Landrat                



 
Anlage zum Schreiben an den Präsidenten des Deutschen Städtetages Herrn Dr. Ulrich Maly   Problematische Aussagekraft des Familienatlas 2012  - Exemplarische Hinweise -  

Die Ergebnisse des Familienatlas 2012 incl. der spezifischen Ergebnisübersichten für alle kreisfreien Städte bzw. Landkreise können im Internet eingesehen werden unter http://www.prognos.com/Familienatlas-2012.844.0.html


Der Familienatlas liefert zunächst ein optisch eindrucksvolles Bild
(Landkarten, Mehrfelderschema und zugeordnete Prädikate, Rangplätze).
 

Versucht man jedoch entsprechend der Zielsetzung des Familienatlas auf der Ebene der „lokalen Akteure“ eine „differenzierte Auseinandersetzung mit regionalen Stärken und Schwächen“ und will man zur Ableitung von Maßnahmenempfehlungen in den verschiedenen Handlungsfeldern kommen, so bietet der Familienatlas 2012 wenig bis keine Hilfestellung.

Dies liegt vorrangig an der mangelnden Aussagekraft bzw. Validität der Indikatoren. Dies soll exemplarisch verdeutlicht werden. Siehe hierzu insbesondere das Kapitel: "Übersicht der Indikatoren und Quellen" des Prognos-Familienatlas 2012

I. Handlungsfeld „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“

01: Verhältnis der Erwerbsquoten (sozialversicherungspflichtig Beschäftigte) von Frauen und Männern.
Es bleibt unklar, was dieser Indikator über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf aussagen soll (zumal Beamte/innen, Selbständige und helfende Familienangehörige nicht einbezogen sind). 
Daten über die Erwerbstätigkeit von Müttern bspw. hätten hierzu eine größere Aussagekraft.

Mehrere Indikatoren bei diesem Handlungsfeld beziehen sich auf Betreuungsquoten – einem wichtigem Aspekt bei der„Vereinbarkeit von Familie und Beruf“. Die Situation (incl. Datenlage) in den kreisfreien Städten und Kreisen ist über die Jugendämter im Übrigen gut bekannt.

03 und 05: Diese Indikatoren beziehen sich auf den Nettoausbau der Betreuungsangebote (Kleinkinder bzw. Kindergartenkinder), das meint den Ausbau bzw. die Entwicklung der Plätze zwischen 2006 und 2011.
Diese Indikatoren führen zu einer verzerrten Sicht: Es wird dabei das Ausgangsniveau, das innerhalb Deutschlands sehr unterschiedlich war, unterschlagen. Kommunen, die seit langem die Betreuungsmöglichkeiten ausbauen, werden in höchst ungerechtfertigter Weise schlechter bewertet.
Keine Indikatoren/ Aussagen enthält der Familienatlas über Tagesbetreuungen im schulpflichtigen Alter (z.B. Hortplätze); auch nicht erfasst sind andere Formen von Betreuungsmöglichkeiten im vorschulischen Bereich (z.B. Tagesmütter, Großpflegestellen).

06
: Familienbewusste Arbeitsgeber
Gezählt werden nur Arbeitgeber, die mit dem Audit „Beruf und Familie“ zertifiziert sind. Dieser (zwar objektivierbare) Indikator führt jedoch zu einer verzerrten Sichtweise über familienfreundliche Betriebe in einer Region. Denn hier werden alle Arbeitgeber ignoriert, die familienfreundliche Maßnahmen einsetzen, aber nicht mit diesem Gütesiegel zertifiziert sind. Gerade für klein- und mittelständische Unternehmen ist die Zertifizierung oftmals zu teuer.


II. Handlungsfeld „Wohnen und Wohnumfeld“


01
: Erschwinglichkeit von Wohneigentum
„Der Indikator gibt an, wie viel qm Bauland man sich mit der jeweils durchschnittlichen Kaufkraft pro Jahr kaufen könnte, und gibt damit Auskunft, wie erschwinglich der Erwerb von Wohneigentum für durchschnittliche Familien ist.“
In attraktiven - und damit auch teuren - Städten und Regionen wohnen auch überproportional wohlhabende Personen, die rechnerisch die „durchschnittliche Kaufkraft“ heben.
Der Indikator überschätzt damit die Möglichkeiten von Familien mit Kindern in attraktiven Regionen.


03
: Freifläche und Erholungsfläche je Einwohner
Als Indikator wird die „Gebäude- und Freifläche, die hauptsächlich dem Wohnen dienen (ohne Gewerbe- und Industrieflächen), sowie die Erholungsfläche insgesamt in qm je Einwohnerin bzw. Einwohner“ genommen. Der Indikator ist in seiner Aussage vage und kaum nutzbar. Es geht offensichtlich um einen Aspekt der Bevölkerungsdichte.
Die Bezeichnung lässt zwar vermuten, dass es hier um die verfügbaren Grün-, Spiel-/Sport- und Naherholungsflächen pro Einwohner geht; darüber sagt der Index jedoch nichts aus.


04
: Anteil Familienwohnungen
Hier wird der Anteil von Wohnungen mit mehr als drei Räumen am Wohnungsbestand berechnet.
Nicht berücksichtigt wird, dass nicht in allen Kommunen Familien die gleichen Chancen am Wohnungsmarkt haben: Insbesondere in Städten mit hohem Studierendenanteil finden Verdrängungsprozesse statt, da große Wohnungen häufig an studentische Wohngemeinschaften statt an Familien vermietet werden. Dies ist für den Vermieter finanziell oft lukrativer.


III: Handlungsfeld „Bildung“


01
: Einrichtungen der Familienbildung
Der Indikator nennt die Anzahl der Familienbildungsstätten – bezogen auf 10.000 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren.
Es verwundert, wenn in der eigenen kreisfreien Stadt bzw. dem Landkreis dieser Indikator mit 0,0 ausgewiesen ist, obwohl „Lokale Akteure“ wissen, dass es zahlreiche Einrichtungen und Maßnahmen der Familienbildung gibt (die seit Beteiligung an dem einschlägigen bayernweiten Modellprojekt „Familienbildung“ auch übersichtlich erfasst sind).
Die Validität dieses Indikators ist schwach: Er beruht auf Auswertungen von Angaben/ Berichten einschlägiger Arbeitsgemeinschaften und freier Träger; es fehlt eine operationale Definition von „Familienbildung“, es handelt sich um keine systematisch Erhebung.
(Außerdem verwundert, dass ein Indexwert von 0,0 bereits mit einem Rangplatz 220 versehen wird, d.h. mehr als die Hälfte der Kreise/ kreisfreien Städte muss hier einen Wert von 0,0 aufweisen.)


03: Schüler-Lehrer-Relation
Ein Durchschnittswert (und ohne Hinweis auf die Streubreite) sagt nur bedingt etwas aus.
In verschiedenen Bundesländern (z.B. Bayern) ist dies keine kommunalpolitisch abhängige Größe, sondern basiert auf Entscheidungen des Bundeslandes. (Ähnliches gilt für die Indikatoren 04 und 05).


07: Schulabschlussquote ausländischer Schülerinnen und Schüler
Wie erwähnt, erfasst die Schulstatistik in den meisten Bundesländern lediglich die Staatsangehörigkeit der Schülerinnen und Schüler, sodass der Migrationshintergrund (insbes. Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler) nicht erfasst wird.
Der Indikator ist damit in seiner praktischen Aussagekraft deutlich eingeschränkt.


08
: Ausbildungsplatzdichte
Der Indikator nennt das Gesamtangebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen je 100 Nachfragenden.
Als Grundlage dienen Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung und der Bundesagentur für Arbeit.
Da z.B. bei der kreisfreien Stadt Bamberg und dem Landkreis Bamberg Indikatorwert und Rangplatz exakt gleich sind, stellt sich die Frage, ob die Datenbasis überhaupt eine aussagekräftige Differenzierung zwischen Kreisen und kreisfreien Städten hergibt.



IV: Handlungsfeld  „Angebote und Organisation der regionalen Familienpolitik“
Die beiden Indikatoren bei diesem Handlungsfeld beruhen auf Selbstaussagen der Landräte bzw. Oberbürgermeister. Diese Befragungsaussagen werden darauf hin gescort, welche der unter IV 01 bzw. 02 aufgeführten Kategorien in den Selbstaussagen vorkommen.
Bei dieser Art der Datenerhebung ist der Informationswert für die „lokalen Akteure“ bezogen auf die eigene Stadt bzw. den eigenen Landkreis minimal, die Reliabilität solcher Daten eher gering.
Bei dem Handlungsfeld IV würde man sich Hinweise über weitere Aspekte wünschen, z.B.
Ausbau und Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs, Umfang des Schulbustourismus, Inanspruchnahme des „Bildungspaketes“ u.a.

Die Indikatoren zu „Rahmenbedingungen Arbeitsmarkt“ und „Rahmenbedingungen Demographie“ werden hier nicht näher betrachtet; sie basieren weitgehend auf Daten des Statistischen Bundesamtes bzw. der Bundesagentur für Arbeit. 

 
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